MPS – eine Erfolgsgeschichte aus dem Schwarzwald



Wie so oft, spielen auch bei dieser Geschichte die Zufälle eine entscheidende Rolle. Wer einen hervorragenden Geiger zum Vater hat und eine Mutter, der mit der SABA einer der renommiertesten Radiogerätehersteller in Deutschland gehörte, muss nicht zwangsläufig mit der Musik verbunden sein. In diesem Fall ist es aber so. Und wenn sich das alles im Schwarzwald abspielt, wo bekanntlich viele Tüftler beheimatet sind, kommt man der Sache schon ganz nahe und weiss einiges über die Wurzeln von Hans Georg Brunner-Schwer. Der 1927 geborene Spross der SABA-Dynastie, schaffte es, mit seinem Musiklabel MPS (Musikproduktion Schwarzwald) dem Schwarzwald weltweit ein Denkmal zu setzen.

Und so ganz nebenbei schrieb der Klangtüftler, Tonmeister und Musikproduzent Musikgeschichte, indem er neue musikalische Aufnahmetechniken entwickelte, das erste Jazzlabel in Deutschland etablierte und vielen Musikern mit hochwertigen Schallplattenproduktionen zu internationalen Karrieren verhalf. Nicht ohne Grund pilgerten in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts internationale Musikstars nach ferab der Musikzentren nach Villingen, um sich von HGBS - so wurde der Soundpionier liebevoll genannt - aufnehmen zulassen.

Die innovative Aufnahmetechnik, die guten Ohren Brunner-Schwers, die wunderbare Schwarzwaldluft, aber sicherlich auch der köstliche Rehrücken mit Spätzle von Marlies Brunner-Schwer, der wunderbar kochenden Gattin des Tonproduzenten, bildeten eine Bilderbuchkombination, der kaum ein Musiker widerstehen konnte.

Diese Geschichte aus dem Schwarzwald fängt aber noch etwas früher an. Hans Georg Brunner-Schwer wurde mit Radiogeräten gross und seine Leidenschaft zur swingenden Musik entfachte, als er während des Zweiten Weltkrieges - illegal - den amerikanischen Soldatensender AFN abhörte.

HGBS war in den 1950er und 1960er Jahren für die technischen Entwicklungen bei SABA verantwortlich, er suchte Lösungen für elektro-akustische Probleme, vor allem bei Tonbandgeräten. Die SABA-Tonband- und Radiogeräte, die unter seiner Federführung optimiert wurden, waren bald wegen ihrer ausserordentlichen Qualität sehr gefragt. Brunner-Schwer spielte leidlich Klavier, aber viel erfolgreicher tüftelte er mit Mikrofonen. Schon in den 50er Jahren lud er Musiker zu sich ein, um sie aufzunehmen.

Er experimentierte mit Musikern wie Horst Jankowski, Hans Koller und Albert Mangelsdorff und Wolfgang Dauner. 1960 wurde HGBS Technischer Geschäftsführer der SABA-Werke und bereits ein Jahr später begann er, mit der Entwicklung des SABAmobils, einer für die damaligen Zeit bahnbrechenden Kombination aus Autoradio und Kassettengerät, das 1963 auf den Markt kam. Für das neue Abspielgerät wurden Musikkassetten benötigt, die man kurzerhand selbst produzierte und in den frühen 60er Jahren hatte SABA bereits 20 Veröffentlichungen von  Jazz und Unterhaltungsmusik herausgebracht.

Viele Hauskonzerte fanden damals bei HGBS statt. Der hatte Musiker wie Duke Ellington oder Teddy Wilson bei sich zu Gast, um private Aufnahmen einzuspielen. Der Durchbruch kam 1963, als Brunner-Schwer den amerikanischen Pianisten Oscar Peterson zu einem Konzert in seine Villa einlud. Der spielte am Steinway-Flügel im Wohnzimmer vor Publikum, begleitet vom Bassisten Ray Brown und dem Drummer Ed Thigpen. Peterson ahnte nicht, dass HGBS derweil im Dachgeschoss am Mischpult sass und die Stücke mitschnitt. Als der Tonmeister aus dem Schwarzwald in der Pause dem schwergewichtigen Gentleman aus Montreal die Bänder vorspielte, war das der Durchbruch, denn der bekannte Jazzpianist war entzückt: „So hab ich mich noch nie gehört“. Von da an kam er jedes Jahr nach Villingen, um sich von Brunner-Schwer aufnehmen zu lassen.

Allerdings durften diese brillanten Aufnahmen erst 1968 veröffentlicht werden, nachdem Petersons Vertrag mit Verve ausgelaufen war. Für einige Jahre arbeitete Peterson dann exklusiv bei dem Villinger Label MPS.

1968 wurde die SABA, die als mittelständisches Unternehmen der Unterhaltungselektronik kaum Chancen auf dem immer stärker werdenden internationalen Markt hatte, vom amerikanischen GTE-Konzern gekauft. Die Amerikaner hatten kein Interesse an den Schallplattenproduktionen. Das war der Startschuss für die eigenständige MPS-Musikproduktion, in die Hans Georg Brunner-Schwer die bisherigen SABA-Veröffentlichungen einbrachte. Ende 1968 wurden unter dem Label MPS bereits 142 Langspielplatten veröffentlicht, darunter die ersten vier Alben der Oscar-Peterson-Serie “Exclusively For My Friends”, die nicht nur Bestseller wurden, sondern auch weltweites Lob der Jazzkritik erhielten.

MPS - diese drei Buchstaben haben bis heute bei Musikfreunden einen magischen Klang, natürlich wegen der herausragenden Aufnahmequalität der Jazz- und Klassikproduktionen. Rund 1000 Aufnahmen sind unter SABA und MPS entstanden: Volksmusik, Unterhaltungsmusik, Tanzmusik, Heimatklänge und Klassik -  aber im Vordergrund stand stets der Jazz.

Drei Jahre nach der Gründung hatte MPS bereits rund 400 Titel veröffentlicht, darunter die wichtigsten Musiker der europäischen Szene wie Stephane Grappelli, Friedrich Gulda, Rolf und Joachim Kühn, Albert Mangelsdorff, Hans Koller, Wolfgang Dauner und Volker Kriegel und die multinationale Kenny Clarke-Francy Boland Big Band. Bei MPS wurde der Grundstock für viele Jazzkarrieren gelegt.

Schon damals war HGBS international anerkannter Experte für Klavier-Aufnahmen (was auch der Grund dafür war, dass der Wiener Klaviervirtuose Friedrich Gulda einige Jahre exklusiv mit dem Villinger Label zusammenarbeitete). Zahlreiche MPS-Schallplatten wurden mit Preisen ausgezeichnet, wie dem „Grand Prix of the Montreux Jazz Festival“, dem „Grand Prix of the French academie Du Disque“ oder dem „Preis der Deutschen Akademie für Schallplatte“.

Als in den früher 1980er Jahren mit der CD ein neuer Tonträger immer populärer wurde, war das für Hans Georg Brunner-Schwer Anlass, sich aus der aktiven Produktionstätigkeit zurückzuziehen. Er verkaufte den grössten Teil des MPS-Kataloges und widmete sich musikalischen Themen, die ihm persönlich besonders am Herzen lagen: gehobene orchestrale Unterhaltungsmusik und ausgewählte Klassikprodukte, wie die Förderung der Birnauer Kantorei. Um das Villinger Tonstudio war es seither viele Jahre recht still geworden.

Fünf Jahre nach dem Tod des legendären Tonmeisters - er starb im Oktober 2004 bei einem Autounfall - zieht wieder Leben in das Studio ein. Im Tonstudio sollen wieder, mit Einbeziehung des von Brunner-Schwer überlassenen Know hows, Aufnahmen stattfinden und das Label HGBS wird weitergeführt. Zudem wurde das Studio aktuell vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg mit dem Titel „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ geadelt - aus wissenschaftlichen wie heimatgeschichtlichen Gründen.

Die Geschichte rund um die Musikaufnahmen und das Tonstudio in Villingen ist somit noch nicht beendet, sie wird weitergetragen von der erstklassigen Aufnahmequalität, die für Hans Georg Brunner-Schwer immer oberste Priorität hatte, auch als die aktiven MPS-Zeiten schon Historie waren. Denn schon damals und bis heute stand für Musiker, Musikfans und Kritiker MPS gleichbedeutend mit MOST PERFECT SOUND.

Friedhelm Schulz